White Hell

Schnurgerade Spur eines Fahrzeugs auf einem verschneiten Feld. Durch die Weitwinkelaufnahme wirkt der Horizont etwas gekrümmt.

Sanft schmeichelt frostig frischer Firn. Minuten sind vergangen. Gerade eben noch umwaberte eine dunkle Wolke Dieselruß die Szenerie. Fetzen flogen. Wer keinen Plexiglasschutz vorm Gesicht hatte, dem drohten Schnittwunden, mindestens jedoch jede Menge Staub in den Augen. Es war wie so oft bei MudArt-Events, kurz, schmerzhaft und aberglattig aufregend.

Das Mudartfestival im US-amerikanischen Städtchen Mullen (NE), wo sich die Interstate 2 und 97 kreuzen ist sicher nicht das Schlammkunst-Großereignis weltweit, aber eine kleine Gemeinde harteingesessener MudArt-Liebhaberinnen und -Liebhaber schwört auf das sorgsam seit einem halben Jahrzehnt ausgerichtete Festival in ‚the biggest little town in Hooker County‚. Nicht zuletzt sind es die Größen der Szene, wie Sandy Cornfield, Ron Felderskoop und natürlich MudArt-Legende Heiko Moorlander, die dem Ereignis Bedeutung verleihen. Ohne ihre Teilnahme wäre der Weiler in Nebraska das was er schon 1887 im Herbst seiner Gründung war. Eine Kreuzung ohne Namen, die man schnell wieder verlässt, weil man das Glück hatte, nicht mit einem entgegenkommenden Zug zu kollidieren.

Heiko Moorlander, der einen Teil seiner Kindheit in Zweibrücken verbracht hat und erste Spuren der MudArt auf der Sickinger Höhe hinterließ, schuf mit White Hell ein präzises Bild unserer Zeit, das einen tiefen Blick in die zerrissene Seele unserer kollektiven Verlorenheit gibt. Der glitzernde Schnee Nebraskas, der sich schon Minuten nachdem der Monstertruck die Erde aufgerissen hat über die Szene legte, mag wie eine Begnadigung wirken, gibt Hoffnung und weitet den Horizont der Betrachterinnen und Betrachter. (Sandra Mudholland, USA-Korrespondentin des Zweibrücker Schlammboten)

Moorlanders White Hell wurde 2021 beim sechsten internationalen Mullen-MudArt-Festival mit dem zweiten Platz geehrt. Die auf den ersten Blick schlicht wirkende, in ihrer Stringenz kaum zu toppende Arbeit trifft den Nerv eines Ortes, an dem Weite ein Großwort ist, der Horizont nahezu unerreichbar und an dem trotz all des Raums ringsum, auf dem nichts, aber auch gar nichts geschieht, ein Gefühl von Heimeligkeit entsteht, wenn sich die MudArt ein Stelldichein gibt. Lokalmatadorin Sandy Cornfield belegte verdient den ersten Rang mit ihrer filigran-brutalen Arbeit „Hammer in the End’ll„.

(Wegen Copyright-Konflikts darf das Kunstwerk Cornfields nicht im Web veröffentlicht werden)

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