Apocalypse

Eine junges Rübenfeld mit aufkeimenden Pflanzen vor starkblauem, schönwetterbewölktem Himmel wird von einer Traktorspur durchbrochen.

Irgendwo jenseits von Milwaukee im weiten, hügeligen, grünen Land Wisconsins. Ein Tross schwerer  Maschinen mit breiten, martialischen Reifen stoppt in der Morgendämmerung vor Joes Inn. Das kleine Fastfood-Restaurant reklamiert für sich ‚Gods own Burger‘ zu produzieren. Weit und breit gibt es an der Kreuzung zweier Interstaterouten außer Viehweiden und Molkereien nichts. Und auch Joes Inn wäre nicht besonders bemerkenswert, hätte nicht der lokal durchaus bekannte Künstler Francis H. Hennessey eine beeindruckende Kunst-Installation auf der Toilette von Joes Inn hinterlassen. Seine Wandinstallation ‚Apokalyptische Reiter‘ ist ein Ensemble aus vier Edelstahl-Toilettenpapierhaltern, die je nach Tageszeit, mal mehr, mal weniger mit Papier bestückt sind. Manchmal sind sie sogar ganz leer, sehr zum Leidwesen der Durchreisenden, die diese einzige Toilette im Niemandsland zwischen Staughton, Waukesha und Whitewater benutzen möchten. Auf den vier Klorollenhaltern kleben schwarze, geprägte Kunststoffetiketten mit der Aufschrift, ‚red‘, ‚black‘, ‚white‘ und ‚pale‘ – rot, schwarz, weiß und fahl. Ein Zitat an die biblische Erzählung der Apokalypse, in der die vier apokalyptischen Reiter erscheinen, um die Menschheit heimzusuchen.

Vier silberne Klorollenhalter, teils mit, teils ohne Papier mit Aufklebern white, red, black und pale.
Das Kunstwerk ‚Apocalyptic Riders‘ von Francis H. Hennessey im WC von Joes Inn (Wisconsin).

Zugegeben, die Interpretation der apokalyptischen Reiter als Klorollenhalter ist zweifelsohne neu. Die Kunstwelt ist sich einig: Hätte Francis H. Hennessey dieses Kunstwerk in New York, Mailand, Paris oder London realisiert, so wäre er wahrscheinlich zu großem Ruhm gelangt. „Im Klo von Joes Inn verkommt die Installation leider zu einem billigen Scherz“, schreibt Kunstkritiker Dupont Marsh in einem Artikel für den MudArt Chronicle.

Auch diese Geschichte ist im Grunde nicht bemerkenswert. Sie wäre nie geschrieben worden, hätten nicht MudArt Künstler Heiko Moorlander bei einem Stopover auf dem Weg zur ‚Badger State MudArt Convention‘ Francis H. Hennesseys apokalyptische Klopapierrollenhalter als Inspiration gedient für sein preisgekröntes  Kunstwerk Apokalypse.

Skywalk

Die beiden unteren Drittel des Bildes zeigen eine aufgerissene Erdmiete mit den Spuren von Baumaschinen und einer Pfütze. Wie junges Leben spriest an der Abbruchkante ein schmaler Streifen Gras, über dem sich vielstöckige Miteshäuser im Hintergrund in einen milchig weißbläulichen Himmel recken.

Angst? Ist es das? Wenn die Kälte durch die Sohlen kriecht und sich Zentimeter um Zentimeter die Beine hocharbeitet bis zu den Knien und über die Oberschenkel hinaus weiter bis zum Bauchnabel, wo sie im Bauch spielt, die Blase auskühlt und sich ein dringendes Bedürfnis einstellt und du auf der Stelle trittst, so gut es denn möglich ist in der Angstkältehölle. Die Fußspitzen ragen ein paar Zentimeter über den Betonsockel. Den Rücken presst du an die Wand, hältst den Kopf gerade. Die Arme baumeln rechts und links. Wenn du sie vor der Brust verschränkst, um dich zu wärmen, gerät dein Körper in Schieflage. Du könntest abstürzen. Unter den Fußspitzen ist vier Stockwerke nichts. Bis zum Pflaster des Schwarzen Turms würdest du vorbei an den Wohnungen der Wiederkehrs und der Ochsners stürzen und weiter fallen vorbei an den weiß verklebten Fenstern der Massagepraxis im ersten Stock, bis du vor dem Schaufenster des Juweliers aufschlagen würdest. Dann wärst du vermutlich tot.

Die beiden unteren Drittel des Bildes zeigen eine aufgerissene Erdmiete mit den Spuren von Baumaschinen und einer Pfütze. Wie junges Leben spriest an der Abbruchkante ein schmaler Streifen Gras, über dem sich vielstöckige Miteshäuser im Hintergrund in einen milchig weißbläulichen Himmel recken.
Heik Moorlanders Kunstwerk Skywalk zwischen den Gemeinden Hausen und Windisch im Schweizer Aargau.

Ausgerechnet in der kleinen, ordentlichen Schweiz, in der die Wege meist befestigt, gerade, sicher und unerbittlich sind schuf Heiko Moorlander anlässlich der dritten internationalen MudArt-Biennale im Aargauer Birrfeld dieses irritierende Kunstwerk. Noch immer ist unklar, woher der Ausnahme-MudArtist den Mut nahm, ein Werk von solch unglaublicher Intimität zu schaffen, das tief blicken lässt in die Seele des kleinen Jungen, der er einst war – oder auch nicht? Alles nur Show?

„Das rätselhafte ‚Kunstwerk‘ lässt viele Fragen offen […]“, so der MudArt-Kritiker Frank Beckebiehl in einem Artikel des Brugger Schlammboten, „Moorlander zieht alle Register der feinen Künste und ist sich auch nicht zu schade, im Baukasten des Surrealismus zu wildern. Wie willkürlich durcheinander geworfene Knochen, die nicht einmal ein Andalusischer Hund mehr ins Maul nähme, wirkt das Ensemble, das eines Teilnehmers unserer schönen internationalen Mudart-Biennale nie und nimmer würdig ist“.

Trotz oder gerade wegen des Verrisses und der unverhohlenen Hasstirade Beckebiehls wurde das Kunstwerk durch eine nicht genannt werden wollende Lysser Stiftung in eine Privatsammlung angekauft.

Der Künstler selbst sah den Eklat gelassen: „Was solls, die Fonduepackung ist gelutscht. Ich bin höchst zufrieden. And always think about, guys, it’s MudArt, es ist was es ist, sprach der Bagger … hätte hätte Caterpilarkette …“

Wir wissen nicht, worauf der Künstler hinaus wollte, aber vermutlich war es einfach nur ein weiterer, gebetmühlenhafter Versuch, das Credo der MudArt hochleben zu lassen.

‚Selfsupported, free, neither a fence nor a frontier‘

 

Melting Away

Blick auf eine Traktorspur, die in sanfter linksbiegung über einen Acker mit Schneeplacken führt.
Blick auf eine Traktorspur, die in sanfter linksbiegung über einen Acker mit Schneeplacken führt.
Szene aus der Moorlander-Fimdoku Melting Away – Die Erde unter Berlin.

Als sich die ersten Farben aus dem Grau der Nacht lösen, mag ungewiss viel Zeit verstrichen sein. Das alltäglich stattfindende Rund des Planeten auf dem Weg um sich selbst und die rasante Fahrt, die der Planet im Jahresrund um die Sonne absolviert, das war ihm klar, nimmt man als kleiner, unbedeutender Mensch nie wahr. Mit zusammengekniffenen Augen schaut er zum Horizont, der sich hellrosa gefärbt hat und sich gegen Zenit im Blau des Universums verliert. Kalt muss es sein, da draußen, denkt er. Unendlich kalt. Null Kelvin, um es einmal in von Menschen definierten Werten auszudrücken. Kaum kneift er die Augen zu, kaum öffnet er sie wieder und das Rosa wechselt zu Orange, das Blau blaut und blaut, bis es schließlich im milchigen Weiß des aufsteigenden Dunstes des nahegelegenen Bachs kollabiert. Es ist kalt auf dem Planeten. Noch! Denkt er. Vielleicht der letzte Winter, der den Namen Winter verdient. „Im Sommer haben wir hier 45 Grad!“, hallt das Wort einer bibeltreuen Künstlerin nach, die er am Tag zuvor traf. Da wühlte er gerade im Schlamm. Schuf dieses Kunstwerk. „45 Grad, stellen sie sich das mal vor, alles wird brennen und genauso steht es auch in der Bibel. Die Apokalypse naht.“ Ein Placken Schnee schimmert auf dem winterfahlen Acker. Aus dem Grau der Nacht tritt das Gelb des Lehms zu Tage, dem Hauptbestandteil dieser Erde, dieses Fleckens ‚Leinwand‘, den er am Tag zuvor bearbeitet hat. Die Kurve der Spur folgt einer nicht näher bestimmten mathematischen Formel; sie löst sich von der angestrebten Route, strikt geradeaus, und macht einen nonchalanten Schlenker. Nichts deutet auf eine Absicht hin. Doch genau das ist es. Es gibt keine Zufälle, denkt er. Weiß er! Alles, was der Mensch verändern kann, wird er verändern. Er steigt ein, startet den Motor und legt den Rückwärtsgang ein.
(Aus dem Filmskript ‚Melting Away – Die Erde unter Berlin‘, Moorlander-Biografie von Wim Wenders).

Die Dreharbeiten zu der Dokumentation finden derzeit weltweit an verschiedenen Orten satt. Die beschriebene Szene wurde in den lehmigen Böden der Südwestpfalz, Heiko Moorlanders ehemaliger Heimat, gedreht.

The Road Is Gonna End In Me

Blick entlang einer Teerstraße auf eine beigefarbene Spur, die in der Bildmitte endet. Im Vordergrund sieht man den Schatten des Fotografen, im Hintergrund, rechts am Straßenrand winzig ein PKW.

„D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent“

Dieses Zitat (Im übrigen sind es immer die anderen, die sterben), die Inschrift des Grabsteins Marcel Duchamps, steht signifikant für eine Serie endzeitlicher Kunstwerke, in denen MudArtist Heiko Moorlander sein zwiespältiges Verhältnis zum Tod thematisiert. Oft sind es Mauern oder Erdwälle, auf die er in virtuoser Weise Spuren zuführt, die abrupt enden, Pfade aus Gummi und Dreck, die im Nichts verschwinden und manchmal auch das Hindernis zu durchdringen scheinen.

Die endzeitlichen Schlammkunstwerke lassen sich teilweise durch am eigenen Leib erfahrenes Leid erklären – zu einem großen Teil aber stünde hinter „diesem Endzeitgebaren der feinen Schlammkünste“ […] „ein kommerzielles Interesse, das dem Zeitgeist im Zeichen der Klimakatstrophe willfährig Nahrung liefert“. So der MudArt-Kritiker Frank Beckebiehl in einem Leitartikel des Brugger Schlammboten.

Blick entlang einer Teerstraße auf eine beigefarbene Spur, die in der Bildmitte endet. Im Vordergrund sieht man den Schatten des Fotografen, im Hintergrund, rechts am Straßenrand winzig ein PKW.
Heiko Moorlanders MudArt Kunstwerk ‚The Road Is Gonna End In Mee‘ ziert den Dezember des Kalenders 2019.

‚The Road Is Gonna End In Me‘ findet sich zu Füßen des Chaisachers, eines kleinen Berges im Schweizer Aargau. Das zittrige, fast unsichere ‚Schriftbild‘ der Spur ist längst zu einem Markenzeichen geworden, lässt den Rauhbein so menschlich wirken und verdeutlicht den tieferen Sinn hinter dem Werk: Wir alle sind vergänglich. In jedem von uns endet irgendwann eine Straße. Für immer.

Into Jammertal

Zwei Drittel matschige, abschüssige Ackerfläche vor im Nebel versinkenden Pappeln. Eine blassblaue Spur wässrigen Untergrunds schlängelt sich zum Horizont

Da ist nichts. Nur noch Nebel. Eine dichte, weiße, watteähnliche Substanz liegt über dem Land. Zum Schneiden nah. Eben noch starrtest du in das Loch, in das man die leere Urne deiner Mutter versenkte, die sorgfältig gefaltete US-Flagge dazu legte, ein paar patriotische Worte zum Besten gab. Man betete und ging über zum Tagesgeschehen. So einfach es schien. So offiziell, sauber, geleckt und klar. Doch was blieb, in dir persönlich, ganz tief, nie und nimmer auslöschbar, war die Ungewissheit.

Die Ungewissheit ist genau jener Zustand, dem man mit dem symbolischen Akt der Beerdigung einer leeren Urne ein Ende zu setzen versuchte. Die Ungewissheit ist der Zustand, der dich seither beherrscht. Sie begleitet dich auf all deinen Wegen, seien sie auch noch so schlammig. (Heiko Moorlander, Expeditionen ins Erdreich (unveröffentlicht)).

Stets sind es Grenzgänge, die den Mudart-Künstler Heiko Moorlander zu ganz besonders eindrucksvollen Schlammkunstwerken inspirieren. Besagtes letztes Gebet am leer bleibenden Grab seiner Mutter liegt schon fast zwei Jahrzehnte zurück. Der Künstler, damals noch ein junger Mann, kehrte nie zurück auf den Militärfriedhof der einstigen US-Base Zweibrücken. Den Moment jedoch zwischen There ’n‘ Theire, wie Moorlander in einem Interview mit Kulturjournalist Ed Korman sagte, der Moment prägte ihn. So trage er seither stets ein Gutteil Tristesse mit sich auf dem fein arrangierten Teller der Ungewissheit.

Poesie und Wahnsinn und schwere, dieselgetriebene Maschinen mit Ballonreifen. Diese brisante Mischung aus Elementen, die dem in normalen Bahnen denkenden und fühlenden Menschen so ganz und gar nicht zusammenpassen wollen, sind es, die Moorlanders Kunst so einzigartig machen.

Zwei Drittel matschige, abschüssige Ackerfläche vor im Nebel versinkenden Pappeln. Eine blassblaue Spur wässrigen Untergrunds schlängelt sich zum Horizont
Das Novembermotiv der Moorlander-Kalenders 2019 zeigt die Vorstudie zu einer Schlammszene im Jammertal im zweibrücker Ortsteil Ernstweiler. Hier verbrachte Heiko Moorlander seine Kindheit.

Mit Into Jammertal liefert Moorlander eine Studie, die zum Ziel hat, ein ultimatives Schlammkunstwerk zu installieren auf dem kleinen amerikanischen Ehrenfriedhof im kleinen pfälzischen Städtchen Zweibrücken, das einst für wenige Jahre seine Heimat war. Offizielle Gesuche des Austroamerikaners, den Ehrenfriedhof in ein Schlammkunstwerk zu verwandeln waren bisher alle vergeblich. Mehr noch, die Aktion der Vorstudie und der Hinweis auf das Vorhaben, brachten Moorlander und sein Team in einige Schwierigkeiten. ‚Leg Dich nicht mit denen an‘, warnte 2016 sein Freund, der Wiki-Leaks-Gründer Julian Assange bei einem Treffen in der Equadorianischen Botschaft in London. Wenn einer um die Macht und die unerbittliche Rachsucht der Mächtigen weiß, dann er.

The Jammertal Cemetary ist ein Kuriosum und weltweit wohl der einzige US-Militärfriedhof, auf dem sich kein einziger Leichnam befindet. Nicht nur das Urnengrab von Lt. Collonel Louise  Priszilla Moorlander ist leer, sondern alle Gräber. Scheinbeerdigungen in der Nullarbor-Ebene aus dem Ruder gelaufener geheimdienstlicher Einsätze. Schlichte Plaketten mit Namen und Dienstgraden der vermeintlich Verstorbenen. Der junge Moorlander handelte sich einige Scherereien ein, als er sich in der lokalen Presse im Zweibrücker Landboten kurz nach der Beisetzung sehr ungeschickt über die seiner Meinung nach geheuchelten, einzig dem Zwecke der Vertuschung dienende Zeremonie äußerte.

Düsteres Bild eines Stachedrahtzauns aus der Froschperspektive aufgenommen. Im Hintergrund ein Strommast und starke Vignettierung in den Bildrändern.
Die alten militärischen Gelände rings um die ehemalige Vier-Garnisonen-Stadt Zweibrücken zeigen heute noch ihr abweisendes Gesicht.

Seither ranken sich viele Verschwörungstheorien um den ‚Impossible Cemetary‘ in dem streng bewachten Areal des Zweibrücker Jammertals.

Doch zurück zur Studie ‚Into Jammertal‘. Kulturjournalist und Mudart-Experte Ed Korman beschreibt die Studie wie folgt:

Ein Sehnsuchtswerk, zweifellos. Der für immer vergebliche Versuch des Künstlers, einen Nexus zu passieren, der die Grenze zwischen Gewissheit und Ungewissheit überschreitet, der ihn in die Lage versetzt, die Welt diesseits und jenseits des ‚Lochs‘ zu begreifen, der ihm endlich Gewissheit gibt über das wahre Schicksal seiner Mutter,  die seit einem geheimdienstlichen Einsatz in Kolumbien vor fast zwei Jahrzehnten vermisst wird. Und dennoch höchst offiziell mit allen Ehren tief im pfälzischen Lehm beigesetzt wurde. Dieses Paradoxon zu verkraften, dürfte wohl ähnlich verstörend sein wie der Standort der Studie für ‚Into Jammertal‘ weit weit entfernt vom geplanten Kunstwerk auf einem dauerhaft künstlich beregneten, mit Schlamm und Lehm aus der Pfalz bedeckten Arreal in der Mojave-Wüste, irgendwo im Niemandsland zwischen Kalifornien und Nevada. Das I-Tüpfelchen der Ironie: Der echte Friedhof liegt am Ende der Zweibrücker California-Straße irgendwo im Niemandsland zwischen Saar und Pfalz.

‚Into Jammertal‘ ist das Novemberblatt des Kalenders Moorlander 2019. Der Kalender Moorlander 2020 ist hier erhältlich. Auch dieser Kalender ist wie sein Vorgänger als kombiniertes Hard- und Software-Projekt ausgelegt. Auf den A4 großen Kalenderblättern befinden sich QR-Codes, mit denen man die Direktlinks der Beiträge in diesem Blog erreicht. Monatlich werden die Geschichten freigeschaltet.

Uncle Tom’s Hut

Im unteren Drittel des Bildes führt eine zerfahrene, matschige Fläche auf ein wenige Grün zu, aus dem sich eine alte, aus Sandsteinen gemauerte Scheune erhebt.

Ach wenn es doch so einfach wäre: Ein Gabelstapler, eine Müllkippe, meinetwegen noch eine räudige Ratte und jede Menge Dystopie. Damit könnte man leben, zur Not. Wenn nur nicht dieser leidige Konflikt wäre, der sich täglich neu aus dem Weltschmerz gebiert.

Im unteren Drittel des Bildes führt eine zerfahrene, matschige Fläche auf ein wenige Grün zu, aus dem sich eine alte, aus Sandsteinen gemauerte Scheune erhebt.
Den ‚Tausend Sklaven der Freiheit‚, die nicht wahrnehmen, dass sie Kraft ihres Willens zum Konsum, überhaupt Sklaven sind, ist dieses Schlammkunstwerk gewidmet.

Dass Heiko Moorlander unter dem widrigen Zustand unserer Welt leidet, ist seit Jahren hinlänglich bekannt. Immer wieder kommt es zu Abstürzen, entgleist der ‚Mudboy‘, benimmt er sich daneben, eckt an. Manchmal resultiert daraus große Kunst. Dann gelingt es dem ‚Jungen mit den Boliden‘ (sein Indianischer Name sei Der mit den Pferdestärken tanzt), sich voll und ganz ‚zu erden‘ und dann entstehen die großen, epischen Kunstwerke als scheinbar unvermeidliche Verletzungen eines fragilen Planeten.

Niemand sollte so reich sein, dass er einen anderen Menschen kaufen kann. Und niemand sollte so arm sein, dass er sich an einen anderen Menschen verkaufen muss. Diese Doktrin schwingt mit, wenn der ‚Mudboy‘ – augenscheinlich selbst Millionär, dank des Verkaufs seiner grandiosen Kunstwerke an ein internationales Sammlerklientel – zu seinen Wurzeln zurück kehrt und ohne jegliche finanzielle Hintergedanken an einem Kunstwerk arbeitet.

Mit Uncle Tom’s Hut schuf er in den Außenbezirken des pfälzischen Dörfchens Großbundenbach  ein Monument von außergewöhnlicher Brisanz im Vorgarten eines einfachen Landwirts, der durch intrigante Machenschaften seinen Besitz verlor.

Es ist nicht bekannt, ob das Werk verkauft wurde, ob es den Weg in eine Kunstsammlung fand. Im Fokus stand nicht Geld, noch Macht, noch Ansehen, sondern ein unscheinbarer Fingerzeig, der uns alle anhalten sollte, inne zu halten und nachzudenken über das Grundprinzip der Sklaverei. Mitnichten ist die Sklaverei in unserer Zeit abgeschafft. Mitnichten lebt ein jeder Mensch auf Gottes Erden ein würdiges Leben. Mitnichten hat Gerechtigkeit den Platz der lange geübten Selbstherrlichkeit der Wenigen eingenommen und mitnichten blüht uns allen, wievielen Milliarden Menschen, ein glückliches Leben.

Riskant und ebenso mutig ist daher dieses Kunstwerk, das uns zu denken geben sollte. Zu denken, ob wir nicht Sklaven der Freiheit sind, die sich freiwillig unterwerfen, um vielleicht auch irgendwann einmal ein Stückchen dieses Mythos zu ergattern, des Mythos der Gleichen unter gleichen, die einander auf Augenhöhe begegnen.

Da spielt es keine Rolle, dass der Künstler hoch oben in der Führerkabine seines 1998er Allgaier Allrad behäbig aber entschlossen für Freiheit und gleiche Chancen weltweit für alle Menschen im Lehm der Sickinger Höhe wühlte.

Der Erlös durch den Verkauf des Kunstwerks kam einer Stiftung zu Gute, die sich gegen Ungerechtigkeit, Enteignung, moderne Sklaverei, und für ein friedliches Miteinander einsetzt und deren erklärtes sekundäres Ziel es ist, sich selbst aufzulösen, sobald sie ihr primäres Ziel erreicht hat.

Aliens Took My Truck Away

Ein bräunliches Bild einer Marschlandschaft, durch die eine tiefe Schlammspur Richtung Horizont zieht.
Ein bräunliches Bild einer Marschlandschaft, durch die eine tiefe Schlammspur Richtung Horizont zieht.
Verschwörung oder nicht? Trunkenheit? Drogen? Gedächtnislücke? Kurz vor Beginn des Senkelteicher MudArt-Treffens im Saarland steht Moorlander wie mit heruntergelassenen Hosen da. Vom Truck keine Spur. Nur eine breite Schneise der Verwüstung führt durch den ewigen Schlamm des Bliesgaus bis zum Horizont.

Von Heiner Momsen.

Die erste Begegnung mit dem Künstler Heiko Moorlander. Es ist Spätsommer und die Sonne scheint mild. Wer hier einen Künstler mit Pinsel und Leinwand erwartet, irrt sich gewaltig. Denn Moorlander, dessen Vorfahren aus Moorland am Senkelteich stammen, arbeitet mit großem Gerät. Mit Landmaschinen oder Lastkraftwagen malt er seine Kunst in wahrsten Sinn des Wortes tief in den Boden. Er hat die so genannte Mud-Art erfunden.
In den USA soll er berühmt sein, hierzulande kennt ihn kaum einer. Was vielleicht daran liegen mag, dass er in Deutschland und Europa nur winzige Kunstwerke, quasi Petitessen schafft. In Übersee stehen ihm weit eindrucksvollere Malwerkzeuge zur Verfügung. Etwa der Big Bud 16-V 747, der größte Schlepper der Welt steht in seiner Garage, erzählt er begeistert. Oder ein besonders edles Stück, der John Deere 9630, Spitzenprodukt der Traktorenproduktion. Highlight und Erzeuger exquisiter Arbeiten, der Lamborghini R8, ein Prachtstück auch für den Sonntagsausflug querfeldein.
Als wir ihn in der Nähe seiner ehemaligen Heimat Zweibrücken treffen, muss er sich mit deutlich kleinerem Gerät abfinden. Der mit einer Galaxy der US Airforce ins nahegelegene Ramstein eingeflogene Big Bud ist am Morgen vor dem Mud-Art Treffen spurlos verschwunden und lässt Fragen offen, die an Verschörungstheorien erinnern: Haben Aliens das viele Tonnen schwere Fahrzeug entführt? Immerhin gelang es dem Ausnahmekünstler, kurzfristig einen Porsche aufzutreiben. Nur ein Abklatsch dessen, was er gewohnt ist. Dennoch will Moorlander auch hier Kunst schaffen. So wie beim vorherigen Kalenderbild, für das er eigens gegen die Wand gefahren ist.
Typisch und unverkennbar seine Linienführung, fast exakt, aber nur fast. Die kleinen Abweichungen sorgen beim Betrachter für die notwendigen Irritationen, um einen Prozess der Infragestellung einzuleiten. Doch bei diesem Werk wird man an seine Wahrnehmungsgrenzen gebracht. Welche Linienwelten warten hinter der Mauer?
Heiner Momsen, Senkelteicher Tageblatt

 

Fucked

Die decke eines LKW-Reifens liegt lang ausgebreitet auf trocknendem Schlamm. Im Hintergrund ein wenig Grün. Das Bild ist aus der Froschperspektive in weitem Winkel aufgenommen.

Endlich frei! Oft ist es ganz einfach und doch so schwer. Die Angstträume, die Heiko Moorlander lange Zeit verfolgten konnten mit ‚Fucked‘ endlich besiegt werden.

Sehen Sie hierzu die drei letzten Beiträge: Against The Wall III, Give Me Back My Triple A, und Against The Wall II.

Die decke eines LKW-Reifens liegt lang ausgebreitet auf trocknendem Schlamm. Im Hintergrund ein wenig Grün. Das Bild ist aus der Froschperspektive in weitem Winkel aufgenommen.
Endlich frei. Endlich nackt. Mit sich lösenden Reifendecken während der Kreation von MudArt-Kunstwerken hat Moorlander eine neue, revolutionäre Ausdrucksweise entdeckt und sich gleichzeitig von seinen Alpträumen befreit.

Wenn schon nackt und mit 40 Tonnen unterm Hintern gegen eine Wand, dann richtig! Sagte sich der Künstler eines Tages. Der Angst vor Nackheit und der damit einhergehenden Blamage kannst du nur mit einer Rosskur begegnen. So präparierte Moorlander die Reifen seines 48-Tonner Buik derart, dass sich die Decke irgendwann unweigerlich lösen musste, stieg splitterfasernackt, einzig bekleidet mit Sicherheitsschuhen ins Führerhaus und kurvte während der Fabara-Mundiale-del-Fango unweit der Bahnlinie Zaragozza-Barcelona über das Ausstellungsgelände. Nach und nach lösten sich die Reifendecken. Scheinbar willkürlich fügten sie sich in die harmonischen Kreise auf dem trockenen Untergrund, wobei „[…] nie dagewesene Faszinationen aus Dreck und Gummi“ (Domingo del Barrios für die lokale Presse) entstanden.

Der Skandal in der weitgehend katholischen Region war perfekt und zog, neben einer empfindlichen Geldstrafe und 30 Tagen bedingtem Arrest auch eine breite Diskussion (Nakedness-Gate) in den Sozialen Medien nach sich. Unbestätigten Berichten zu Folge habe Moorlander laut singend ‚Hacido barro del Mondo cruelo‘ (ungefähr zu übersetzen mit ‚Ich schlamme in einer grausamen Welt‘) zur Melodie von The Passenger gesungen, rythmisch rührend im Sechzehngang-Getriebe seines Fahrzeugs. Mit dieser eindeutigen Geste provozierte er zusätzlich.

 

Against The Wall II

Auf einem Stoppelacker führt eine Spur auf einen Erdwall zu. Das quadratische Bild ist gelb bis erdtönig.
Auf einem Stoppelacker führt eine Spur auf einen Erdwall zu. Das quadratische Bild ist gelb bis erdtönig.
Höher und massiver, unüberwindlicher und aussichtsloser das Überwinden. Die Serie Against The Wall hat bis heute kein Ende gefunden und steht bei Kunstsammlern weltweit hoch im Kurs.

Yet another wall – schon wieder eine Wand. Kommen Sie mit in die phantastische Welt des Heiko Moorlander. Rasen Sie auf Wände zu, spüren Sie den Thrill, der sich anschleicht und Sie mit voller Wucht trifft und streichen Sie sich hinterher den Angstschweiß aus der Stirn, klopfen sich den Staub aus den Kleidern, atmen Sie tief durch, denn Sie erkennen: Es ist nichts passiert!

Des einen Leid, des anderen Freud, könnte man sagen. Die Kunstwerke der Serie Against The Wall zählen zu den bemerkenswertesten Mudart-Schöpfungen. Sie entführen den Betrachter, die Betrachterin in die engen Windungen einer leidenden Künstlerseele. Knallhart und schnurgerade führt der Weg auf ein Hindernis zu und das Gehirn schaltet auf Panik. Gewiss gibt es kein Entrinnen. Nicht für den Künstler, nicht für den Betrachter. Oder etwa doch?

Als Kompensationskunstwerke nutzt Heiko Moorlander mit viel Hingabe den Against The Wall Zyklus, um sein Alptraum-Problem (nackt mit Vollgas auf eine Wand hinzurasend) zu neutralisieren.

Mit Erfolg. Zumindest materiell, denn die Serie steht bei Sammlern und Sammlerinnen weltweit hoch im Kurs.

Give Me Back My Triple A

ein rötlich-gelbliches Foto Blick auf eine Traktorspur, die zwei Reifenspuren so kreuzt, dass sich ein A im Sand abbildet.
ein rötlich-gelbliches Foto Blick auf eine Traktorspur, die zwei Reifenspuren so kreuzt, dass sich ein A im Sand abbildet.
Dieses Werk ist eine Verzweiflungstat . Der letzte Hilfeschrei eines Durchgereichten.

Die Zeit der Krisen, Drogen, Abstürze, Skandale, Moorlanders schlimmste Lebensphase in den beginnenden 2010er Jahren machten kostspielige Therapien notwendig in Spezialkliniken in Dänemark und Frankreich. Bei den oft monatelangen Aufenthalten, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, entstanden faszinierende Schlammkunstwerke. Tiefe Einblicke in die geschundene Künstlerseele. Die als Therapie-Desaster bekannt gewordenen Kunstwerke sind bei Sammlerinnen und Sammlern weltweit sehr begehrt.

Nie blickt man tiefer in die Seele eines Künstlers. Nie hat man die Chance einen Abgrund aus luftiger Nähe so hautnah zu sehen wie in den Therapie-Desastern. (Johnathan Frazierson im MudArt-Chronicle)

Ironie des Schicksals: Das Kunstwerk ‚Give me back my Triple A‘ wurde in einer Zeit geschaffen, in der Heiko Moorlander ganz unten angelangt war, hochverschuldet, kreditunwürdig, abgewrackt.

Dieses Werk ist eine Verzweiflungstat. Der motorbrüll-laute Hilfeschrei eines Durchgereichten. (Ed Korman)

Durch den Verkauf an einen Sammler und Mäzen konnte der Künstler wieder Fuß fassen.