White Hell

Schnurgerade Spur eines Fahrzeugs auf einem verschneiten Feld. Durch die Weitwinkelaufnahme wirkt der Horizont etwas gekrümmt.

Sanft schmeichelt frostig frischer Firn. Minuten sind vergangen. Gerade eben noch umwaberte eine dunkle Wolke Dieselruß die Szenerie. Fetzen flogen. Wer keinen Plexiglasschutz vorm Gesicht hatte, dem drohten Schnittwunden, mindestens jedoch jede Menge Staub in den Augen. Es war wie so oft bei MudArt-Events, kurz, schmerzhaft und aberglattig aufregend.

Das Mudartfestival im US-amerikanischen Städtchen Mullen (NE), wo sich die Interstate 2 und 97 kreuzen ist sicher nicht das Schlammkunst-Großereignis weltweit, aber eine kleine Gemeinde harteingesessener MudArt-Liebhaberinnen und -Liebhaber schwört auf das sorgsam seit einem halben Jahrzehnt ausgerichtete Festival in ‚the biggest little town in Hooker County‚. Nicht zuletzt sind es die Größen der Szene, wie Sandy Cornfield, Ron Felderskoop und natürlich MudArt-Legende Heiko Moorlander, die dem Ereignis Bedeutung verleihen. Ohne ihre Teilnahme wäre der Weiler in Nebraska das was er schon 1887 im Herbst seiner Gründung war. Eine Kreuzung ohne Namen, die man schnell wieder verlässt, weil man das Glück hatte, nicht mit einem entgegenkommenden Zug zu kollidieren.

Heiko Moorlander, der einen Teil seiner Kindheit in Zweibrücken verbracht hat und erste Spuren der MudArt auf der Sickinger Höhe hinterließ, schuf mit White Hell ein präzises Bild unserer Zeit, das einen tiefen Blick in die zerrissene Seele unserer kollektiven Verlorenheit gibt. Der glitzernde Schnee Nebraskas, der sich schon Minuten nachdem der Monstertruck die Erde aufgerissen hat über die Szene legte, mag wie eine Begnadigung wirken, gibt Hoffnung und weitet den Horizont der Betrachterinnen und Betrachter. (Sandra Mudholland, USA-Korrespondentin des Zweibrücker Schlammboten)

Moorlanders White Hell wurde 2021 beim sechsten internationalen Mullen-MudArt-Festival mit dem zweiten Platz geehrt. Die auf den ersten Blick schlicht wirkende, in ihrer Stringenz kaum zu toppende Arbeit trifft den Nerv eines Ortes, an dem Weite ein Großwort ist, der Horizont nahezu unerreichbar und an dem trotz all des Raums ringsum, auf dem nichts, aber auch gar nichts geschieht, ein Gefühl von Heimeligkeit entsteht, wenn sich die MudArt ein Stelldichein gibt. Lokalmatadorin Sandy Cornfield belegte verdient den ersten Rang mit ihrer filigran-brutalen Arbeit „Hammer in the End’ll„.

(Wegen Copyright-Konflikts darf das Kunstwerk Cornfields nicht im Web veröffentlicht werden)

The Lyserg Dream Desaster

Spiegelung eines Baggers , die ein bisschen wie eine Fata Morgana wirkt. Geld mit helblauen Farbtönen.

Finally a new year. Freundinnen und Freunde des Moorlander-Kalenders kennen es schon. Seit 2018 wartet der A4 große Print-Web-Hybrid auf mit einem vierzehnten Kalenderblatt, auf dem neben den Basics zu Heiko Moorlander, einer Kurzvita, auch stets ein Bild zu finden ist. Im Gegensatz zu den einzelnen Kalenderblättern zeigt dieses Motiv eine der vielen Maschinen, mit deren Hilfe der Schlammkünstler seine raumgreifenden Kunstwerke kreiert. Was herkömmlichen Künstlerinnen und Künstlern der Pinsel, das ist den MudArtistinnen und MudArtisten ihr meist von Dieselmotoren getriebener hunderte PS starker Monstertruck.

Wie in Künstlerkreisen üblich, so ist auch in der MudArt der Einsatz bewusstseinserweiternder Drogen weit verbreitet. Heroin, Kokain, LSD oder schlichter Alkohol, die Palette, die zum Einsatz kommt, ist breit gefächert und es ist für jeden etwas dabei. Hier im Erdversteck gibt es einige Geschichten, in denen das Thema Drogen zum Tragen kommt. Wilde Exzesse, Klinikaufenthalte, Hochs und Tiefs, die sich wie in Resonanz mit dem sonoren Brummen eines 1400 PS starken Buik Trancontinental abwechseln. Moorlander hat sie alle durch- und überlebt.

Spiegelung eines Baggers , die ein bisschen wie eine Fata Morgana wirkt. Geld mit helblauen Farbtönen.
Lyserg Dream Desaster

Selbst das Lyserg Dream Desaster Ende 2021, ein dreitägiger Trip unter Einfluss von LSD ging scheinbar spurlos an der MudArt-Legende vorbei.

Im Bild skizzierte der Künstler, wie er sich während des Trips fühlte.

Paradise Garden

‚Hör mal Rudi, hör mal, lass es sein. Hör mal Rudi, hör mal, lass es sein …‘ *

Das wohl geflüstertste Lied aller Zeiten. Sphärische, langezogene Klänge wie Walgesang, aber wie irre performt von einem schmutzigen Kerl mit kariertem Hemd, der verschwitzt im Fond eines abgewrackten, tonnenschweren Trucks schuftet: ‚Besser du fährst Auto und ein andrer lenkt‘ flüsternd. Grotesk. Paradox. Verstörend. Nie war die Welt desolater. Nie war der Alleinemensch alleiner. Die Szene trägt geradezu autistoide Züge, könnte Frieden stiften, wäre da nicht der atonale Motorenlärm. Der apokalyptische Reiter der Moderne ist ein Kerl mit Schaum vorm Mund, der wie von Zauberlippen getrieben vor sich hin flüstert und in einer explosiven Szene spritzenden Schlamms eine Welt besingt, von der man nur eines mit Sicherheit weiß:

Verlasse diesen Ort so schnell du kannst! Da, schau nur, da vorne, das Gärtchen, bis dort hin musst du es schaffen, großer tapferer Schlammreiter, denn kalt wie ein Stein schlägt dein Herz. Nicht! Nur du, das Lenkrad, die hunderte PS starke Maschine und die Pflicht zum Schlammwühlen.

Jaja, der feine Traum vom Paradies, wer kennt ihn nicht. Wir wissen nicht, was die Doppelzüngigkeit in Heiko Moorlanders Gemüt ausgelöst hat, was ihn dazu brachte, flüsternd und dennoch schreiend paradoxierend der Erde den Hintern aufzureißen, ein letztes Mal, denn da vorne, da wartet das Paradies, siehst du die feinen Obstbäumchen deiner Kindheit, die du erklettertest? In deren Geäst du waghalsig balanciertest, um die reifsten Früchte zu pflücken.

MudArt gilt als die brachialste Kunstrichtung aller Zeiten. Dennoch gibt es theoretische Überlegungen, dieses von Maschinen dominierte Kunstmetier zu toppen. Die Szene ist gespalten. Die einen verteufeln die neue Idee, andere wenden sich ihr, getrieben von finanziellen Interessen, willenlos zu.

Als jüngst bekannt wurde, dass der Ex-MudArt-Künstler Bruce Herrkertz (ein Enkel Bruce Mc Candless, des ersten Menschen, der ohne Sicherungsleine frei im Weltall schwebte) einen Werbevertrag mit SpaceX abgeschlossen hatte, läuteten in der Szene die Alarmglocken. Die Schlammkünstler verlassen die Erde und erobern den Weltraum.

Eine wahrhaft ‚Schlammbrische Explosion‘ steht bevor, wenn sich demnächst weitere Schlammkünstlerinnen und -künstler in den Weltraum begeben und mit Raumschiffen das All durchpflügen, um dort filigrane Partikelspuren zu hinterlassen.

Mag sein, mag sein, dass genau dieser Konflikt in des flüsternden Schlammwühlers Hirn grassierte, dass er über den Weltraum nachdachte, und dass er womöglich damit liebäugelte, das irdische, von sinnloser Gravitation belastete, unendlich schmutzige, Dieselruß geschwängerte Künstlerdasein an den Nagel zu hängen und nach den Sternen zu greifen.

Aber wäre das nicht die Hölle? Hör mal Rudi, lass es sein mit dem Raumschiff, lasse es sein. Wenn Du so wie ich von ganz weit unten kommst, weißt du alles, aber glauben kannst du gar nichts mehr. Hör mal Heiko, hör mal …

* Rudi – Herwig Mitteregger

Hinter Gittern

Wir erinnern uns an den Skandal vor zwei Jahren – ein Team um Heiko Moorlander hegte den Plan, eine Kleinstadt zuzuschütten und den Weg zu ebenen (haha, zu ebenen!), um das größte MudArt-Freigelände außerhalb der USA zu etablieren. Am breiten Widerstand der betroffenen Bevölkerung scheiterte der Plan. Mehr noch, es gab ein juristisches Nachspiel im Streit um Entschädigungen. Ende Oktober 2021 fiel das Urteil vorm örtlichen Oberlandesgericht. Die achtzehn Angeklagten des Konsortiums aus internationalen Größen der MudArt wurden zu teils hohen Geldstrafen verurteilt. Mehrere Galeristinnen und Veranstalterinnen, sowie Heiko Moorlander und drei weitere MudArt Künstlerinnen standen vor Gericht.

Der umstrittene Prozess wurde in den internationalen Medien kontrovers beobachtet. Der Illinois-MudArt-Chronicle sprach in einem Kommentar gar von einem Schauprozess.

Für Heiko Moorlander gehen zwei Jahre hohen Drucks mit einer glimpflichen Geldstrafe im mittleren sechsstelligen Bereich zu Ende. In Werken wie ‚Hinter Gittern‘ verarbeitete der Schlammkünstler die psychische Belastung einer drohenden Gefängnisstrafe. Die Staatsanwaltschaft hatte für alle Angeklagten mehrjährige Haftstrafen gefordert. Richterin Barbara Zeimick folgte in ihrer Urteilsbegründung jedoch weitestgehend den Darlegungen der Verteidigung. Alle Angeklagten kamen mit Geldstrafen davon.

Hinter Gittern ist eine MudArt-Kreation, die unter die Haut geht. In ihrer baren Optik, die kein Blatt vor den Mund nimmt, spiegelt sie existenzielle menschliche Ängste wider. Im Ungewiss der Zukunft wird jegliche Perspektive in kleine Würfel geschnitten und portioniert auf dem Teller des Kunstgenießers, der Kunstgenießerin arrangiert. Ein fulminantes Menü, das das Lied der Freiheit in einer atonalen Melodie spielt wie es wohl nur ein so genialer Komponist wie Heiko Moorlander komponieren kann. (Johnathan Frazierson in einem Kommentar für den MudArt-Chronicle)

Cov Will Tear Us Apart

Kalenderdeckblatt mit der Aufschrift Moorlander 2022 zwischen düsterem Himmel und einer Ackerszene zweier sich zunächst annähernder, dann parallel verlaufender Traktorspuren im Stoppelacker.

Darfs noch etwas düstrer sein? Stellen Sie sich einen Metzger vor, der aus dem Schlachtraum nach nächtlicher Schlachtorgie – allein unter (toten) Schweinen völlig erschöpft in der Verkaufsraum kommt, um die (nachts frisch produzierte) Ware an den Mann, die Frau, das Kind zu bringen. Feine Grützwurst, Kopfsülze, fettglänzendes Rippchen …

… die Dystopie kommt nicht geradewegs zur Tür herein und sagt, hallooo, ich bin die Dystopie. Nein nein, sie hüllt sich in schmutzige Klamotten ganz alltäglicher Menschen, die nach einem harten Arbeitstag heimkommen und alles andere im Sinn haben, als unter die Dusche zu springen. Metzger wie Friseurinnen, Bäcker oder Verwaltungsangestellte, Fabrikarbeitende und ja, auch Künstlerinnen und Künstler. Allesamt zu erschöpft für Körperpflege, nachdem eine Tagschicht im allesfressenden kapitalistischen System ihnen jegliche Kraft für Fellpflege geraubt hat. (Peter Charles Marx II für ‚The Anticapitalist-Magazine‘, Desmoines)

Diese ‚Müdigkeit am anderen Ende des Alltags‘ schwingt in Heiko Moorlanders epischen Schlammkunstwerken stets mit. Man kann förmlich die fettigen Haarsträhnen seiner Protagonistinnen und Protagonisten tasten. Wie sie weich und kühl wie frisch gefangene Molche durch die Finger gleiten. Man kann den Achselschweiß riechen, das Reiben zu harter Bünde zu enger Unterhosen an den Innenseiten von Schenkeln. Wund fühlt man sich und unheimlich erschöpft, nachdem man Einblick hatte in Moorlanders Pandemie-Zyklus 2019-2021).

Wer Moorlanders Kunst verstehen will, muss Mensch sein. Und durchschnittlich. Und er muss hart arbeiten Tag für Tag. Nur so kann man es auch fühlen! Der Look and Feel von Moorlanders Kunstwerken, die für unvorstellbare Summen den Besitzer, die Besitzerin wechseln, ist alles andere als elitär. Schlammkunst ist Mühsal. Das wusste der junge Moorlander schon recht früh, als er mit seinem Kinderbagger ‚Louis‘ auf dem Paradeplatz der Klagenfurt-Barracks erste Spuren im Ascheplatz zeichnete.

Jahrzehnte sind seither vergangen. Aus dem Jungen wurde ein Mann und aus dem Mann ein Millionär. Einer, der es geschafft hat. Doch wie so oft im Leben: der Junge, aus dem du einst wuchst, der bleibt. (‚Kleiner, tapsiger Strippenzieher wo Herz am rechten Fleck‘ und ‚Darfs a Schtickerl Wurscht sein füa den Bubn, gnä Frau?‘)

Dann kam Corona. Die Welt stand still. Sehr lange stand sie still. Alle Schlammkunst-Festivals weltweit abgesagt. Versteigerungen, Ausstellungen, Retrospektiven: Nichts, nada, niente! Finito Lavoro. In den USA war es zudem über lange Monate untersagt, überhaupt auf Feldern unterwegs zu sein, es sei denn man war Farmer. Bestellte das Land. Dann durfte man.

Ein Schlupfloch, das sich Moorlander zu Nutze machte. Kurzerhand kaufte er einen alten Mähdrescher und diente sich incognito den Farmern und Farmerinnen im Bundesstaat Illinois an. Für den Mindestlohn (8 $/hr) ackerte der Ausnahmekünstler in den Erntesaisons 2019 bis 2021 und die gesamte Aufzucht 2020/2021 auf den weiten Feldern des Bundesstaats im Herzen der USA. Grandiose MudArt-Kunstwerke schuf der Arbeiter in dieser Zeit: ‚Fettsträhne, dein Name sei Heiko‘ und ‚Wasch mich, ich bin der Mörder‘ und viele viele mehr. Sie alle fielen der Ernte zum Opfer.

Seine Tarnung als ganz normaler Mensch fiel erst auf, als er mit einer Ford Saatmaschine ‚4934 Ultra‘ den Parkplatz des Walmart-Supermarkts in Desmoines zwei Zentimeter hoch mit genetisch verändertem Mais  ‚besäte‘. Das Kunstwerk unter dem Titel ‚I Gen You, Bloody Honk‘ (Ich geb‘ Dir, verdammter Trottel) sollte an einen naurutischen Kunstsammler verkauft werden, wurde aber vom FBI als Beweismittel beschlagnahmt*.

Viele Geschichten ranken sich um Moorlanders Leben ‚In The Fields 2020/2021‘. Einige sind wahr, wie etwa, dass stets das Lied ‚Love Will Tear Us Apart‚ (Joy Division) aus den Quatro-Boxen seiner Maschinen trümmerte.

Verbrieft durch zahlreiche Anzeigen wegen Lärmbelästigung.

Zwei gegenläufige Traktorspuren auf fast schwarz-weißem, noch nicht sehr hoch bewachsenem Acker wirken wie Tanz in Rechts-Links-Schlingern auf den weißen Horizont hinzu.
Cov Will Tear Us Apart von MudArtist Heiko Moorlander

Unter dem Motto ‚Cov Will Tear Us Apart‘ (etwa: Covid wird uns entzweien) steht auch der vorliegende Kalender Moorlander 2022. In zwölf Monatsblättern schildert das außergewöhnliche Dokument die ‚Geschichte einer Pandemie in Zeiten steigender Dieselpreise‘.

*Eine Liste beschlagnahmter Moorlander-Kunstwerke offenbart übrigens einen traurigen Superlativ: Der MudArtist gilt als der Künstler weltweit, der mehr Kunstwerke in den Aservatenkammern weltweiter Strafverfolgung vorzuweisen hat, als irgend ein anderer Künstler.

Cleaner

Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte! Und noch einmal Gerüchte. Moorlander hier, Moorlander da und immer klebt ein wenig Schmutz an den vielen Geschichten, die sich um den MudArt-Künstler ranken. Mal ist Sex im Spiel, mal Drogen, mal Moorlanders Psyche, mal die Mafia, mal Geldwäsche und mal von allem ein Bisschen.

Bloß, was ist wahr an all dem Getratsche, das die weltweiten Boulevardzeitungen füttert und ganze Fernsehsender von zweifelhaftem Ruf zu nähren scheint?

Eine der Kernaussagen in den Kunstwerken Heiko Moorlanders zieht sich wie ein rotes Band durch Zeit und Raum: Mach Dir kein Bild! Der Künstler sucht in der Konstruktion seiner präzise ausgeführten Schlammkunstwerke stets auch die Dekonstruktion. Wie ein Zauberkünstler, der ein Kaninchen aus dem Hut zieht, lässt er Wahrheiten aufblitzen, die schneller erlöschen als ein Streichholz im Wind. In fußballfeldgroßen Landart-Konstruktionen ahnt der Betrachter für einen Bruchteil der Zeit etwas Großes, nur um sich Sekunden später die Augen zu reiben, als habe er das alles doch nur geträumt. Moorlanders Kunst ist trotz ihrer weltweiten, durchaus dauerhaften Präsenz stets auch ephemer. Ein Paradoxon?

Nur Kennerinnen und Kenner der Schlammkunstszene erkennen in den oft filigranen, oft auch brachialen Schlammspuren die Dekonstruktion in der Konstruktion. Wie Jin und Jang rankt sich die Martialik tonnenschwerer, dieselrußstinkender Maschninen mit den Streicheleinheiten der Feinen (Schlamm)Künste. Was dabei heraus kommt ist einzigartig und sucht seines Gleichen vergeblich. Während der Chigago-MudArt-Convention im vergangenen Sommer suchte MudArtist Moorlander gezielt die Konfrontation mit den Massenmedien, die ihn im Vorfeld des Events einer massiven medialen Schlammschlacht (!) aussetzten. Vorwürfe, der Künstler habe sich in jungen Jahren der Mafia angedient, gepaart mit der Spekulation, ob er nur deswegen zu großem Weltruhm gelangen konnte, konterte der Ausnahmekünstler mit dem Kunstwerk ‚Cleaner – The boy who did it his way)‘. Ein Fingerzeig, der den Medien den schmutzigen, schlammbesudelten Fehdelappen ins Gesicht drischt.

Engarde! (Ed Korman, freier MudArt-Kritiker).

 

Da braut sich was zusammen

Planiertes Gelände vor einem halb abgerissenen Betongebäude. Die rautenförmige Spur breiter Reifen zeichnen sich im sandigen Untergrund ab und bilden eine 90 Grad Linkskurve.

Aufstieg und Fall sind wie zwei siamesische Brüder, die sich ein Herz teilen. Auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft. Jeder Aufstieg, ob materiell, emotional, ökonomisch oder abstrakt bringt seinen Fall mit sich. Nur gut ein Jahrhundert liegt zwischen der Erbauung und dem Abriss der alten Park-, ursprünglich Tivoli-Brauerei in Heiko Moorlanders einstiger Kindheitsheimatstadt Zweibrücken. Kürzlich wurde der geschichtsträchtige Gebäudekomplex abgerissen. Ein finales MudArt-Happening markierte den Abgesang.

[ …] die Internationale MudArt-Szene gab sich beim ‚Fleddern der Leiche‘ alle Mühe, ein ebenso ephemeres, wie stimmungsvolles Requiem zu veranstalten. Shooting Star Judy Kniffling wurde aus Arizona eingeflogen, die französische MudArt-Ikone Guy de Martiale kam umweltfreundlich per TGV aus Paris, der Niederländer Helm van der Kneiss und Arnold Schlammegger aus Österreich gaben sich die Ehre, um nur einige weltweite MudArt.Koryphäen zu nennen. Und natürlich durfte auch Heiko Moorlander nicht fehlen. In seiner Kindheit verbrachte er einige Jahre in Zweibrücken, besuchte die amerikanische Schule auf dem Kreuzberg und hinterließ schon damals erste Spuren im bleichen Lehm der Südwestpfalz.

Nur ein Wochenende lang war das gemeinsame Kunstwerk unter dem Titel ‚Da braut sich was zusammen‚ zu sehen. Zwei Tage, in denen mehr als 60.000 Menschen aus dem In- und Ausland dem Happening zuschauten. Selbst Christo und Jeanne Claude hätten sich anlässlich einer Verhüllung über einen so guten Zuspruch in so kurzer Zeit erstaunt gezeigt. Doch was will man groß verhüllen, wenn alles abgerissen ist? Die Begeisterung für das vergängliche gemeinsame Kunstwerk war in der gesamten Stadt spürbar. Menschen in Feierlaune, internationales Flair, alle Sprachen der Welt tiegelten zwischen Herzogsvorstadt und Himmelsberg.

Fast hätte man die Skandale um Heiko Moorlander der vergangenen Monate vergessen können. (Bernd Eders für den Zweibrücker Landboten)

Archivbild. Das offizielle Bild darf aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden. Es ist nur im Moorlander-Kalender 2021 einzusehen.

Lame Lehm

Gelbliche Abdrücke eines gepfeilten Traktor-Hinterreifens in der Draufsicht mit tiefen Schatten durch tiefstehende Sonne von rechts.

Auf den letzten Metern verrecken? Wie damals, vor vielen Jahren? Aufstieg und Fall eines Schlammwühlers? ‚Lame Lehm‚ wirft jede Menge Fragen auf. Entgegen der Ankündigung, die Schlammskulptur als Auftragsarbeit für einen privaten Sammler mit einem elektrisch betriebenen Actros 3000.1 E zu kreieren, setzt Moorlander auf althergebrachte Dieseltechnik, Lärm, Gestank und jede Menge CO². Ist seine viel gepriesene Verkehrswende der feinen Schlammkünste ins Stocken geraten?

Im Pfälzer Lehm auf der Sickinger Höhe, Moorlanders einstiger Kindheitsheimat ereignete sich vergangenes Wochenende ein desaströser Verrat an der Natur, der Kunst und letztlich des Künstlers an sich selbst. Heiko Moorlander, der in den vergangenen Monaten hart an seiner Trilogie zur Verkehrswende der feinen Schlammkünste gearbeitet hatte wirkte wie von ausländischen Geheimdiensten mehrfach umgedreht, zurechtgestutzt, auf Böse gepolt. Hatte er im Frühling und Sommer noch mit Windcrafter und Red Planet ein deutliches Zeichen gesetzt hin zu weniger Lärm, Schmutz und Klimabelastung,  zeigt er mit Lame Lehm ein im Wortsinne lahmes Finale. Eine seiner schwächsten Arbeiten zweifellos. Auf dem morastigen Fundament des Selbstverrats entsteht ein blasses Etwas, das ‚meine fünfjährige Nichte besser hingekriegt hätte‘ (O-Ton einer Sammlerin). Oder ein Hund. (Bernd Eders für den Einöder Landboten)

Red Planet

Aufgeschüttete rote Erdhügel vor milchigweißem Himmel, durchzogen von einer markanten tiefen Spur eines Lastkraftwagens.

Unter massivem Polizeischutz musste Moorlander beim MudArt-Event im saarpfälzischen Dörfchen Einöd vergangenen Frühling das ‚Feld‘ verlassen. Ebenso begleitete ihn eine Spezialeinheit der Tucson Private Security aufs Terrain seiner Kreation ‚Red Planet‘. Der Abtrünnler sieht das dystopische MudArt-Kunstwerk als logische Konsequenz einer mit ‚Windcrafter‚ initiierten Trilogie, die sich entschieden gegen fossile Motortechnik wendet. Die Presse spekuliert: Ist dem Mudboy sein Ruhm derart zu Kopf gestiegen? Ist er mittlerweile so reich und mächtig, dass er es sich leisten kann, seine Sponsoren aus der fossilen Ecke reihenweise zu verprellen? Was steckt hinter dem neuen Image des einstigen Dinosauriers der feinen Künste? Fragen über fragen.

[ … ] betrachtet man jedoch das Werk als Gesamtes, muss man sich, losgelöst von jeglicher ideologischer Beurteilung schlicht sagen: Chapeau! Well done, Mudboy. Red Planet überzeugt als harmonische Gesamtkomposition und fügt sich bestens in die ‚MudArt for Future‘ Trilogie. (Ed Korman, Moorlander-Biograf)

Windcrafter

Tiefe Schlammspur auf junggrünem Acker weicht kurvig aus einer weniger Tiefen Spur nach links aus. Im Hintergrund ein Windrad.

Ebenso fatal wie faszinierend stellt ‚Windcrafter‚ den Auftakt einer Trilogie dar.

Der Künstler auf Kriegsfuß mit sich selbst? Vom Saulus der Naturzerstörung zum Paulus der Erneuerbaren? Die Pressemeinungen sind vielfältig. Je nach Lager erfährt Moorlander herbe Kritik bis hin zu wüsten Shitstorms. Die ‚linke‘ Presse hingegen ist voll Lobes:

Hier weicht einer entschieden ab von den alten ausgelatschten Pfaden. Beim Einöd-Schlammkunst-Event 2021 brilliert der MudArtist Heiko Moorlander mit einer exakten, professionell ausgeführten Arbeit und düpiert gleichsam alt eingesessene Fans und seine Sponsoren. Eine Schlammschlacht sondergleichen … unter Polizeischutz geleitete man den Rebellen durch die wütende Menge zum Ausgang … (Bernd Eders für den Einöder Landboten)

Das Schlammkunstwerk blieb nur wenige Stunden erhalten, bevor es von einem brutalen Mob, der die Absperrungen durchbrechen konnte zertrampelt wurde. So verliert sich die Spur des Abweichlers unter den malmenden Füßen alter, weißer Männer, die  wie gewohnt auf Dieselmotoren starren.