Cov Will Tear Us Apart

Cov Will Tear Us Apart

Darfs noch etwas düstrer sein? Stellen Sie sich einen Metzger vor, der aus dem Schlachtraum nach nächtlicher Schlachtorgie – allein unter (toten) Schweinen völlig erschöpft in der Verkaufsraum kommt, um die (nachts frisch produzierte) Ware an den Mann, die Frau, das Kind zu bringen. Feine Grützwurst, Kopfsülze, fettglänzendes Rippchen …

… die Dystopie kommt nicht geradewegs zur Tür herein und sagt, hallooo, ich bin die Dystopie. Nein nein, sie hüllt sich in schmutzige Klamotten ganz alltäglicher Menschen, die nach einem harten Arbeitstag heimkommen und alles andere im Sinn haben, als unter die Dusche zu springen. Metzger wie Friseurinnen, Bäcker oder Verwaltungsangestellte, Fabrikarbeitende und ja, auch Künstlerinnen und Künstler. Allesamt zu erschöpft für Körperpflege, nachdem eine Tagschicht im allesfressenden kapitalistischen System ihnen jegliche Kraft für Fellpflege geraubt hat. (Peter Charles Marx II für ‚The Anticapitalist-Magazine‘, Desmoines)

Diese ‚Müdigkeit am anderen Ende des Alltags‘ schwingt in Heiko Moorlanders epischen Schlammkunstwerken stets mit. Man kann förmlich die fettigen Haarsträhnen seiner Protagonistinnen und Protagonisten tasten. Wie sie weich und kühl wie frisch gefangene Molche durch die Finger gleiten. Man kann den Achselschweiß riechen, das Reiben zu harter Bünde zu enger Unterhosen an den Innenseiten von Schenkeln. Wund fühlt man sich und unheimlich erschöpft, nachdem man Einblick hatte in Moorlanders Pandemie-Zyklus 2019-2021).

Wer Moorlanders Kunst verstehen will, muss Mensch sein. Und durchschnittlich. Und er muss hart arbeiten Tag für Tag. Nur so kann man es auch fühlen! Der Look and Feel von Moorlanders Kunstwerken, die für unvorstellbare Summen den Besitzer, die Besitzerin wechseln, ist alles andere als elitär. Schlammkunst ist Mühsal. Das wusste der junge Moorlander schon recht früh, als er mit seinem Kinderbagger ‚Louis‘ auf dem Paradeplatz der Klagenfurt-Barracks erste Spuren im Ascheplatz zeichnete.

Jahrzehnte sind seither vergangen. Aus dem Jungen wurde ein Mann und aus dem Mann ein Millionär. Einer, der es geschafft hat. Doch wie so oft im Leben: der Junge, aus dem du einst wuchst, der bleibt. (‚Kleiner, tapsiger Strippenzieher wo Herz am rechten Fleck‘ und ‚Darfs a Schtickerl Wurscht sein füa den Bubn, gnä Frau?‘)

Dann kam Corona. Die Welt stand still. Sehr lange stand sie still. Alle Schlammkunst-Festivals weltweit abgesagt. Versteigerungen, Ausstellungen, Retrospektiven: Nichts, nada, niente! Finito Lavoro. In den USA war es zudem über lange Monate untersagt, überhaupt auf Feldern unterwegs zu sein, es sei denn man war Farmer. Bestellte das Land. Dann durfte man.

Ein Schlupfloch, das sich Moorlander zu Nutze machte. Kurzerhand kaufte er einen alten Mähdrescher und diente sich incognito den Farmern und Farmerinnen im Bundesstaat Illinois an. Für den Mindestlohn (8 $/hr) ackerte der Ausnahmekünstler in den Erntesaisons 2019 bis 2021 und die gesamte Aufzucht 2020/2021 auf den weiten Feldern des Bundesstaats im Herzen der USA. Grandiose MudArt-Kunstwerke schuf der Arbeiter in dieser Zeit: ‚Fettsträhne, dein Name sei Heiko‘ und ‚Wasch mich, ich bin der Mörder‘ und viele viele mehr. Sie alle fielen der Ernte zum Opfer.

Seine Tarnung als ganz normaler Mensch fiel erst auf, als er mit einer Ford Saatmaschine ‚4934 Ultra‘ den Parkplatz des Walmart-Supermarkts in Desmoines zwei Zentimeter hoch mit genetisch verändertem Mais  ‚besäte‘. Das Kunstwerk unter dem Titel ‚I Gen You, Bloody Honk‘ (Ich geb‘ Dir, verdammter Trottel) sollte an einen naurutischen Kunstsammler verkauft werden, wurde aber vom FBI als Beweismittel beschlagnahmt*.

Viele Geschichten ranken sich um Moorlanders Leben ‚In The Fields 2020/2021‘. Einige sind wahr, wie etwa, dass stets das Lied ‚Love Will Tear Us Apart‚ (Joy Division) aus den Quatro-Boxen seiner Maschinen trümmerte.

Verbrieft durch zahlreiche Anzeigen wegen Lärmbelästigung.

Zwei gegenläufige Traktorspuren auf fast schwarz-weißem, noch nicht sehr hoch bewachsenem Acker wirken wie Tanz in Rechts-Links-Schlingern auf den weißen Horizont hinzu.
Cov Will Tear Us Apart von MudArtist Heiko Moorlander

Unter dem Motto ‚Cov Will Tear Us Apart‘ (etwa: Covid wird uns entzweien) steht auch der vorliegende Kalender Moorlander 2022. In zwölf Monatsblättern schildert das außergewöhnliche Dokument die ‚Geschichte einer Pandemie in Zeiten steigender Dieselpreise‘.

*Eine Liste beschlagnahmter Moorlander-Kunstwerke offenbart übrigens einen traurigen Superlativ: Der MudArtist gilt als der Künstler weltweit, der mehr Kunstwerke in den Aservatenkammern weltweiter Strafverfolgung vorzuweisen hat, als irgend ein anderer Künstler.

Cleaner

Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte! Und noch einmal Gerüchte. Moorlander hier, Moorlander da und immer klebt ein wenig Schmutz an den vielen Geschichten, die sich um den MudArt-Künstler ranken. Mal ist Sex im Spiel, mal Drogen, mal Moorlanders Psyche, mal die Mafia, mal Geldwäsche und mal von allem ein Bisschen.

Bloß, was ist wahr an all dem Getratsche, das die weltweiten Boulevardzeitungen füttert und ganze Fernsehsender von zweifelhaftem Ruf zu nähren scheint?

Eine der Kernaussagen in den Kunstwerken Heiko Moorlanders zieht sich wie ein rotes Band durch Zeit und Raum: Mach Dir kein Bild! Der Künstler sucht in der Konstruktion seiner präzise ausgeführten Schlammkunstwerke stets auch die Dekonstruktion. Wie ein Zauberkünstler, der ein Kaninchen aus dem Hut zieht, lässt er Wahrheiten aufblitzen, die schneller erlöschen als ein Streichholz im Wind. In fußballfeldgroßen Landart-Konstruktionen ahnt der Betrachter für einen Bruchteil der Zeit etwas Großes, nur um sich Sekunden später die Augen zu reiben, als habe er das alles doch nur geträumt. Moorlanders Kunst ist trotz ihrer weltweiten, durchaus dauerhaften Präsenz stets auch ephemer. Ein Paradoxon?

Nur Kennerinnen und Kenner der Schlammkunstszene erkennen in den oft filigranen, oft auch brachialen Schlammspuren die Dekonstruktion in der Konstruktion. Wie Jin und Jang rankt sich die Martialik tonnenschwerer, dieselrußstinkender Maschninen mit den Streicheleinheiten der Feinen (Schlamm)Künste. Was dabei heraus kommt ist einzigartig und sucht seines Gleichen vergeblich. Während der Chigago-MudArt-Convention im vergangenen Sommer suchte MudArtist Moorlander gezielt die Konfrontation mit den Massenmedien, die ihn im Vorfeld des Events einer massiven medialen Schlammschlacht (!) aussetzten. Vorwürfe, der Künstler habe sich in jungen Jahren der Mafia angedient, gepaart mit der Spekulation, ob er nur deswegen zu großem Weltruhm gelangen konnte, konterte der Ausnahmekünstler mit dem Kunstwerk ‚Cleaner – The boy who did it his way)‘. Ein Fingerzeig, der den Medien den schmutzigen, schlammbesudelten Fehdelappen ins Gesicht drischt.

Engarde! (Ed Korman, freier MudArt-Kritiker).

 

Da braut sich was zusammen

Planiertes Gelände vor einem halb abgerissenen Betongebäude. Die rautenförmige Spur breiter Reifen zeichnen sich im sandigen Untergrund ab und bilden eine 90 Grad Linkskurve.

Aufstieg und Fall sind wie zwei siamesische Brüder, die sich ein Herz teilen. Auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft. Jeder Aufstieg, ob materiell, emotional, ökonomisch oder abstrakt bringt seinen Fall mit sich. Nur gut ein Jahrhundert liegt zwischen der Erbauung und dem Abriss der alten Park-, ursprünglich Tivoli-Brauerei in Heiko Moorlanders einstiger Kindheitsheimatstadt Zweibrücken. Kürzlich wurde der geschichtsträchtige Gebäudekomplex abgerissen. Ein finales MudArt-Happening markierte den Abgesang.

[ …] die Internationale MudArt-Szene gab sich beim ‚Fleddern der Leiche‘ alle Mühe, ein ebenso ephemeres, wie stimmungsvolles Requiem zu veranstalten. Shooting Star Judy Kniffling wurde aus Arizona eingeflogen, die französische MudArt-Ikone Guy de Martiale kam umweltfreundlich per TGV aus Paris, der Niederländer Helm van der Kneiss und Arnold Schlammegger aus Österreich gaben sich die Ehre, um nur einige weltweite MudArt.Koryphäen zu nennen. Und natürlich durfte auch Heiko Moorlander nicht fehlen. In seiner Kindheit verbrachte er einige Jahre in Zweibrücken, besuchte die amerikanische Schule auf dem Kreuzberg und hinterließ schon damals erste Spuren im bleichen Lehm der Südwestpfalz.

Nur ein Wochenende lang war das gemeinsame Kunstwerk unter dem Titel ‚Da braut sich was zusammen‚ zu sehen. Zwei Tage, in denen mehr als 60.000 Menschen aus dem In- und Ausland dem Happening zuschauten. Selbst Christo und Jeanne Claude hätten sich anlässlich einer Verhüllung über einen so guten Zuspruch in so kurzer Zeit erstaunt gezeigt. Doch was will man groß verhüllen, wenn alles abgerissen ist? Die Begeisterung für das vergängliche gemeinsame Kunstwerk war in der gesamten Stadt spürbar. Menschen in Feierlaune, internationales Flair, alle Sprachen der Welt tiegelten zwischen Herzogsvorstadt und Himmelsberg.

Fast hätte man die Skandale um Heiko Moorlander der vergangenen Monate vergessen können. (Bernd Eders für den Zweibrücker Landboten)

Archivbild. Das offizielle Bild darf aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden. Es ist nur im Moorlander-Kalender 2021 einzusehen.

Lame Lehm

Gelbliche Abdrücke eines gepfeilten Traktor-Hinterreifens in der Draufsicht mit tiefen Schatten durch tiefstehende Sonne von rechts.

Auf den letzten Metern verrecken? Wie damals, vor vielen Jahren? Aufstieg und Fall eines Schlammwühlers? ‚Lame Lehm‚ wirft jede Menge Fragen auf. Entgegen der Ankündigung, die Schlammskulptur als Auftragsarbeit für einen privaten Sammler mit einem elektrisch betriebenen Actros 3000.1 E zu kreieren, setzt Moorlander auf althergebrachte Dieseltechnik, Lärm, Gestank und jede Menge CO². Ist seine viel gepriesene Verkehrswende der feinen Schlammkünste ins Stocken geraten?

Im Pfälzer Lehm auf der Sickinger Höhe, Moorlanders einstiger Kindheitsheimat ereignete sich vergangenes Wochenende ein desaströser Verrat an der Natur, der Kunst und letztlich des Künstlers an sich selbst. Heiko Moorlander, der in den vergangenen Monaten hart an seiner Trilogie zur Verkehrswende der feinen Schlammkünste gearbeitet hatte wirkte wie von ausländischen Geheimdiensten mehrfach umgedreht, zurechtgestutzt, auf Böse gepolt. Hatte er im Frühling und Sommer noch mit Windcrafter und Red Planet ein deutliches Zeichen gesetzt hin zu weniger Lärm, Schmutz und Klimabelastung,  zeigt er mit Lame Lehm ein im Wortsinne lahmes Finale. Eine seiner schwächsten Arbeiten zweifellos. Auf dem morastigen Fundament des Selbstverrats entsteht ein blasses Etwas, das ‚meine fünfjährige Nichte besser hingekriegt hätte‘ (O-Ton einer Sammlerin). Oder ein Hund. (Bernd Eders für den Einöder Landboten)

Red Planet

Aufgeschüttete rote Erdhügel vor milchigweißem Himmel, durchzogen von einer markanten tiefen Spur eines Lastkraftwagens.

Unter massivem Polizeischutz musste Moorlander beim MudArt-Event im saarpfälzischen Dörfchen Einöd vergangenen Frühling das ‚Feld‘ verlassen. Ebenso begleitete ihn eine Spezialeinheit der Tucson Private Security aufs Terrain seiner Kreation ‚Red Planet‘. Der Abtrünnler sieht das dystopische MudArt-Kunstwerk als logische Konsequenz einer mit ‚Windcrafter‚ initiierten Trilogie, die sich entschieden gegen fossile Motortechnik wendet. Die Presse spekuliert: Ist dem Mudboy sein Ruhm derart zu Kopf gestiegen? Ist er mittlerweile so reich und mächtig, dass er es sich leisten kann, seine Sponsoren aus der fossilen Ecke reihenweise zu verprellen? Was steckt hinter dem neuen Image des einstigen Dinosauriers der feinen Künste? Fragen über fragen.

[ … ] betrachtet man jedoch das Werk als Gesamtes, muss man sich, losgelöst von jeglicher ideologischer Beurteilung schlicht sagen: Chapeau! Well done, Mudboy. Red Planet überzeugt als harmonische Gesamtkomposition und fügt sich bestens in die ‚MudArt for Future‘ Trilogie. (Ed Korman, Moorlander-Biograf)

Windcrafter

Tiefe Schlammspur auf junggrünem Acker weicht kurvig aus einer weniger Tiefen Spur nach links aus. Im Hintergrund ein Windrad.

Ebenso fatal wie faszinierend stellt ‚Windcrafter‚ den Auftakt einer Trilogie dar.

Der Künstler auf Kriegsfuß mit sich selbst? Vom Saulus der Naturzerstörung zum Paulus der Erneuerbaren? Die Pressemeinungen sind vielfältig. Je nach Lager erfährt Moorlander herbe Kritik bis hin zu wüsten Shitstorms. Die ‚linke‘ Presse hingegen ist voll Lobes:

Hier weicht einer entschieden ab von den alten ausgelatschten Pfaden. Beim Einöd-Schlammkunst-Event 2021 brilliert der MudArtist Heiko Moorlander mit einer exakten, professionell ausgeführten Arbeit und düpiert gleichsam alt eingesessene Fans und seine Sponsoren. Eine Schlammschlacht sondergleichen … unter Polizeischutz geleitete man den Rebellen durch die wütende Menge zum Ausgang … (Bernd Eders für den Einöder Landboten)

Das Schlammkunstwerk blieb nur wenige Stunden erhalten, bevor es von einem brutalen Mob, der die Absperrungen durchbrechen konnte zertrampelt wurde. So verliert sich die Spur des Abweichlers unter den malmenden Füßen alter, weißer Männer, die  wie gewohnt auf Dieselmotoren starren.

Nice Dry

Schräge Spur eines LKW-Reifen auf lehmig gelblich-bräunlicher Oberfläche, von oben betrachtet und Bildfüllend nur Schlamm und Spuren.

Jahrzehnte lang kein Regen. Feuerroter Sand an wie von einem japanischen Origamikünstler gefalteten Sandsteinbergen, stahlblauer Himmel und ein nächtliches Sternenfirmament, das auf der ganzen Welt seines Gleichen sucht. Jahrhundertelange Stille, einzig gebrochen vom ewigen Wind, der es vom fernen Pazifik hier herauf schaffte in die eiskalten, unendlich trockenen Gefielde der Atacama-Wüste. Dies ist das Setting für Nice Dry. Eines der wenigen Standalone-Kunstwerke des austroamerikanischen Mudart-Künstlers Heiko Moorlander. Im Auftrag der brasilianischen Kunstsammlerin Isobello Jonquer del Ruiz war es am Morgen des 4. Mai 2021 vorbei mit der jahrhundertelangen Stille in dem bis Dato vom Menschen unberührten Valle de la Luna. Ein Tross tonnenschwerer martialischer Maschinen amerikanischer Bauart bahnte sich seinen Weg durch den Sand. Darunter auch ein Tanklaster mit dreißig Kubikmetern Wasser. Dort wo sich sonst Geier und Lama Gute Nacht sagen, röhrten nun die Zwölfzylinder, grub sich viele Zoll breites, spezial gefertigtes Hartgummi in die Erde. Auf einem sportplatzgroßen Areal, das durch die kostbare Fracht aus dem Tanklaster ‚vorbereitet‘, sprich beregnet wurde, konnte man kurze Zeit später den Künstler erleben beim Bau von Nice Dry. Nach Vorstudien im Death Valley im vergangenen Jahr, ging der MudArtist mit präziser Eleganz aufs Ganze. Nur einen Versuch würde er haben, denn das Wasser ist knapp. Das Wasser ist aufgebraucht, es gibt nur noch Diesel in den Tanks und die Wüste holt sich jeden Tropfen innerhalb kürzester Zeit. Unter den Augen einer eloquenten brasilianischen Kunstclique um die Auftraggeberin Isobello Jonquer del Ruiz gelang ein Handstreich, den niemand für möglich gehalten hatte. Eine höchst umstrittene Aktion.

Es sei gut für den Tourismus, sagt man. Es sei gut für die Wirtschaft, sagt man. Es sei gut für Land und Leute, sagt man. Es bringe Geld in die Region, Wohlstand und Glück. Bullshit, Mierda. Muy Grande Mierda! Nennen wir das Lama doch beim Namen: ‚Nice Dry‘ ist eine perverse Umweltsauerei einer Bande nordamerikanischer Gringos, die nichts anderes können, als lärmen, stinken und plattwalzen. (Rodrigo de la Parera für den San Pedro de Atacama Mensajero del país).

Schräge Spur eines LKW-Reifen auf lehmig gelblich-bräunlicher Oberfläche, von oben betrachtet und Bildfüllend nur Schlamm und Spuren.
Nice Dry (Vorstudie aus dem Death Valley 2020)

Sicher kein Ruhmesblatt. Nice Dry zählt zu Moorlanders umstrittensten MudArt-Aktionen. Zu Recht fragt man sich, wie weit darf ein Künstler gehen? Wie egoistisch, wie weltfremd, wie … ja, das Thema Geld natürlich … wie gierig kann ein Mensch werden? Immer wieder fragen sich Sammlerinnen und Sammler, Fans aus aller Welt, wie kam es dazu? Wie konnte sich der feine Junge, der einst die Ameisen in seinem Sandkasten evakuierte, bevor er mit der Gießkanne Wassergräben füllte, so sehr von sich selbst entfremden?

Der Sandkasten vor unserer Mietskaserne in den Klagenfurt Airfield Barracks war bis zu meinem siebten Lebensjahr der entfernteste Ort der Welt. Dort war ich frei, fühlte mich sicher und geborgen … (Zitat aus Scratched in The Sandbox)

Geld! Geld! Geld! In der Fachwelt ist man zerstritten. Das eine Lager bejubelt ohne Hinterfragung, während die Gegenseite bestürzt die dunkle Seite der MudArt beäugt und sich fragt, ist denn Geld tatsächlich alles?

Under Water

Eine breite Spur eines Traktors führt geschwungen durch eine überflutete Wiese. Im Wasser spiegelt sich blau der Himmel und mischt sich mit den grünen Grasflecken.

Seiner panischen Angst vor Wasser zum Trotz, ließ es sich das MudArt-Rauhbein Heiko Moorlander nicht nehmen, am 3. internationalen MudArt-Convent im holländischen Dörfchen Hongerige Wolf eine Spur ‚of outstanding impression‘ (Ed Korman) zu hinterlassen.

Es mag der langen Rivalenschaft mit dem niederländischen Landartisten Ron Felderskoop geschuldet sein, dass Moorlander seine Phobie überwand.

Im vollen Bewusstsein, mit einer tonnenschweren Maschine, die kaum höher ist als eine friesische, reetgedeckte Kate, mehrere Meter unter dem Meeresspiegel zu arbeiten, gelang ein präzises Kunstwerk von außergewöhnlicher Aussagekraft. Einzig der unheimliche, amorph wirkende Nordseehauptdeich trennte den Künstler vor der Bedrohung durch das Meer, das am Tag des Erschaffens von ‚Under Water‘ eine Flut von zwei Meter über dem Mittel erreichte. (Piet Modderstroom, Gröningen’s Landboodschapper).

Eine breite Spur eines Traktors führt geschwungen durch eine überflutete Wiese. Im Wasser spiegelt sich blau der Himmel und mischt sich mit den grünen Grasflecken.
Under Water

Nur wenige Menschen werden sich vorstellen können, welche Überwindung es den Künstler gekostet haben muss. Unbedarft beäugt von friedlich am Deich grasenden Schafen saß da ein Wesen wie von einer anderen Welt in seiner monströsen Dieselrußmaschine, bekleidet mit Neopren und Taucherbrille, auf dem Beifahrersitz eine Phalanx Pressluftflaschen. Gewiss dessen, dass  bei einem Deichbruch die Maschine, der Fahrer und all seine verzweifelten Selbstschutzmaßnahmen versagen würden und in einem kalten, nassen Grab für immer verloren wären. Ein geradezu groteskes Bild, das die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und dem was das menschliche Hirn im inneren eines denkenden, fühlenden Wesens anrichten kann brutal pointiert.

Green Planet

Eine breite, schlingernde Fahrspur durchfurcht einen jungkeimenden grünen Acker, an dessen Horizont ein großer Starkstrommast in den blassen Himmel ragt.

Laut singend „I’ll be Your Trucker and You are my Acker“, berichten Zeitzeugen, habe Heiko Moorlander fröhlich die Servolenkung seines 63er MAN MultiTOOL mit Sechsradantrieb betätigt und beschwingt konzentriert an seinem MudArt-Kunstwerk Green Planet gearbeitet.

Eine breite, schlingernde Fahrspur durchfurcht einen jungkeimenden grünen Acker, an dessen Horizont ein großer Starkstrommast in den blassen Himmel ragt.
Green Planet

Waren Drogen im Spiel? Vermutlich ja! Anders lässt sich die eigenwillige Linienführung seines Kunstwerks nicht erklären. Zunächst weicht der Ausnahme-Mudartist in der von jungem Grün dominierten, großflächigen Arbeit von der geraden, vorgegeben Spur ab und schlingert wie zufällig dahingerotzt auf eine weitere Strenge im an sich langweiligen Acker hinzu. Erst links, dann rechts, eins fallenlassen und dann wieder links …. da, sieh an! … beinahe hat er sich gefangen, beinahe könnte er zurückkehren auf eine weitere der salonfähigen Fahrspuren im Lehm des agrikulturellen Mainstreams, aber nein, der Weg sollte anders verlaufen.

Nur kurz tangiert das für mehrere Millionen Dollar an eine  naurutische Kunstsammlerin verkaufte Kunstwerk den sprichwörtlichen „Pfad der Tugend“, um sich sodann in der Ferne, nur um Haaresbreite einen Starkstrommasten umlaufend, zu verlieren.

Alles kommt aus dem Nichts und alles geht ins Nichts. Dazwischen, ganz bescheiden, unsere eigene kleine Spur. Der Mythos des antiken Labyrinths lebt hoch in Moorlanders Green Planet. In Schlingen ums Ziel schleichend, sich ihm bis auf wenige Meter nähernd, um sich sodann wieder zu entfernen und in selbst gewählten äußeren Umläufen die Warteschleife des Lebens zu vollenden … was passt hier besser, als laut schallend durchs offene Fenster des Monstertrucks zitierend aus Achim Reichels Ausnahme-Werk „Die grüne Reise“ zu singen (frei nach „I’ll be Your Singer and You’ll be my Song“).

(Ed Korman im Feuilleton des Saarpfälzer Landboten, März 2021)

Pole Position

An der Spitze zweier sich gabelnder Teerwege steht neben einer Reifenspur ein anderthalb Meter hoher Pfosten. Im Hintergrund zeichnet sich am oberen Bildrand ein Gebirgstal blaugrau über grüner Wiese ab.
An der Spitze zweier sich gabelnder Teerwege steht neben einer Reifenspur ein anderthalb Meter hoher Pfosten. Im Hintergrund zeichnet sich am oberen Bildrand ein Gebirgstal blaugrau über grüner Wiese ab.
Pole Position

Zwei konträre Stimmen zu den  Schwarzwälder Schlammkunsttagen 2020.

„Mal gewinnt man, mal verliert man, komm’se raiinn Dam’und’Herrn, komm’se raiiinn“ – schnoddrig dahingerotzt wie von einem Jahrmarktsschreier, so der erste Eindruck, den man gewinnt, wenn man dieses Kunstwerk nur oberflächlich betrachtet. Was ist zu sehen? Ein Pfosten, ein Fetzen Teer, Wiese, Berge und eine messerscharfe Spur, die sich wie die Gräten eines Fischs aufspreizt.

(Ed Korman für das Baden Badener  Magazin ‚Kur mit Spur‘.

Das Berliner Schlammkunst-Szeneblatt ‚Neuer Spritzer Mitte‘ berichtet kontrovers. Reporterin vor Ort, Cinderella O’Connor, titelt: ‚Viel Matsch um nichts‘, gefolgt von einem gnadenlosen Verriss von Moorlanders Pole Position. Das ‚Machwerk‘ sei herrisch und arrogant. Die gewählte Perspektive, hoch oben über dem Tal, gebe deutlich zu verstehen, was der berühmte Künstler von seinen Kolleginnen und Kollegen beim Forêt Noir en Gachis Festival (so der binationale Name) hält, nämlich nichts. Nichts als schmutziges Gesprenkel am Hosenbein des Kunstgotts.

Ganz anders wirkt da die großartige Arbeit des Berliner Newcomers Maik Schlammbrenner. Völlig unprätentiös schmiegt sich dessen Werk ‚zur Tiefe des Gebirgs‘ zwischen grünen Wiesen und glücklichen Kühen. Ein Mensch in seiner Zeit hinterlässt seine Spur und gibt sich dabei doch bar jeglicher Martialik.