Into Jammertal

Zwei Drittel matschige, abschüssige Ackerfläche vor im Nebel versinkenden Pappeln. Eine blassblaue Spur wässrigen Untergrunds schlängelt sich zum Horizont

Da ist nichts. Nur noch Nebel. Eine dichte, weiße, watteähnliche Substanz liegt über dem Land. Zum Schneiden nah. Eben noch starrtest du in das Loch, in das man die leere Urne deiner Mutter versenkte, die sorgfältig gefaltete US-Flagge dazu legte, ein paar patriotische Worte zum Besten gab. Man betete und ging über zum Tagesgeschehen. So einfach es schien. So offiziell, sauber, geleckt und klar. Doch was blieb, in dir persönlich, ganz tief, nie und nimmer auslöschbar, war die Ungewissheit.

Die Ungewissheit ist genau jener Zustand, dem man mit dem symbolischen Akt der Beerdigung einer leeren Urne ein Ende zu setzen versuchte. Die Ungewissheit ist der Zustand, der dich seither beherrscht. Sie begleitet dich auf all deinen Wegen, seien sie auch noch so schlammig. (Heiko Moorlander, Expeditionen ins Erdreich (unveröffentlicht)).

Stets sind es Grenzgänge, die den Mudart-Künstler Heiko Moorlander zu ganz besonders eindrucksvollen Schlammkunstwerken inspirieren. Besagtes letztes Gebet am leer bleibenden Grab seiner Mutter liegt schon fast zwei Jahrzehnte zurück. Der Künstler, damals noch ein junger Mann, kehrte nie zurück auf den Militärfriedhof der einstigen US-Base Zweibrücken. Den Moment jedoch zwischen There ’n‘ Theire, wie Moorlander in einem Interview mit Kulturjournalist Ed Korman sagte, der Moment prägte ihn. So trage er seither stets ein Gutteil Tristesse mit sich auf dem fein arrangierten Teller der Ungewissheit.

Poesie und Wahnsinn und schwere, dieselgetriebene Maschinen mit Ballonreifen. Diese brisante Mischung aus Elementen, die dem in normalen Bahnen denkenden und fühlenden Menschen so ganz und gar nicht zusammenpassen wollen, sind es, die Moorlanders Kunst so einzigartig machen.

Zwei Drittel matschige, abschüssige Ackerfläche vor im Nebel versinkenden Pappeln. Eine blassblaue Spur wässrigen Untergrunds schlängelt sich zum Horizont
Das Novembermotiv der Moorlander-Kalenders 2019 zeigt die Vorstudie zu einer Schlammszene im Jammertal im zweibrücker Ortsteil Ernstweiler. Hier verbrachte Heiko Moorlander seine Kindheit.

Mit Into Jammertal liefert Moorlander eine Studie, die zum Ziel hat, ein ultimatives Schlammkunstwerk zu installieren auf dem kleinen amerikanischen Ehrenfriedhof im kleinen pfälzischen Städtchen Zweibrücken, das einst für wenige Jahre seine Heimat war. Offizielle Gesuche des Austroamerikaners, den Ehrenfriedhof in ein Schlammkunstwerk zu verwandeln waren bisher alle vergeblich. Mehr noch, die Aktion der Vorstudie und der Hinweis auf das Vorhaben, brachten Moorlander und sein Team in einige Schwierigkeiten. ‚Leg Dich nicht mit denen an‘, warnte 2016 sein Freund, der Wiki-Leaks-Gründer Julian Assange bei einem Treffen in der Equadorianischen Botschaft in London. Wenn einer um die Macht und die unerbittliche Rachsucht der Mächtigen weiß, dann er.

The Jammertal Cemetary ist ein Kuriosum und weltweit wohl der einzige US-Militärfriedhof, auf dem sich kein einziger Leichnam befindet. Nicht nur das Urnengrab von Lt. Collonel Louise  Priszilla Moorlander ist leer, sondern alle Gräber. Scheinbeerdigungen in der Nullarbor-Ebene aus dem Ruder gelaufener geheimdienstlicher Einsätze. Schlichte Plaketten mit Namen und Dienstgraden der vermeintlich Verstorbenen. Der junge Moorlander handelte sich einige Scherereien ein, als er sich in der lokalen Presse im Zweibrücker Landboten kurz nach der Beisetzung sehr ungeschickt über die seiner Meinung nach geheuchelten, einzig dem Zwecke der Vertuschung dienende Zeremonie äußerte.

Düsteres Bild eines Stachedrahtzauns aus der Froschperspektive aufgenommen. Im Hintergrund ein Strommast und starke Vignettierung in den Bildrändern.
Die alten militärischen Gelände rings um die ehemalige Vier-Garnisonen-Stadt Zweibrücken zeigen heute noch ihr abweisendes Gesicht.

Seither ranken sich viele Verschwörungstheorien um den ‚Impossible Cemetary‘ in dem streng bewachten Areal des Zweibrücker Jammertals.

Doch zurück zur Studie ‚Into Jammertal‘. Kulturjournalist und Mudart-Experte Ed Korman beschreibt die Studie wie folgt:

Ein Sehnsuchtswerk, zweifellos. Der für immer vergebliche Versuch des Künstlers, einen Nexus zu passieren, der die Grenze zwischen Gewissheit und Ungewissheit überschreitet, der ihn in die Lage versetzt, die Welt diesseits und jenseits des ‚Lochs‘ zu begreifen, der ihm endlich Gewissheit gibt über das wahre Schicksal seiner Mutter,  die seit einem geheimdienstlichen Einsatz in Kolumbien vor fast zwei Jahrzehnten vermisst wird. Und dennoch höchst offiziell mit allen Ehren tief im pfälzischen Lehm beigesetzt wurde. Dieses Paradoxon zu verkraften, dürfte wohl ähnlich verstörend sein wie der Standort der Studie für ‚Into Jammertal‘ weit weit entfernt vom geplanten Kunstwerk auf einem dauerhaft künstlich beregneten, mit Schlamm und Lehm aus der Pfalz bedeckten Arreal in der Mojave-Wüste, irgendwo im Niemandsland zwischen Kalifornien und Nevada. Das I-Tüpfelchen der Ironie: Der echte Friedhof liegt am Ende der Zweibrücker California-Straße irgendwo im Niemandsland zwischen Saar und Pfalz.

‚Into Jammertal‘ ist das Novemberblatt des Kalenders Moorlander 2019. Der Kalender Moorlander 2020 ist hier erhältlich. Auch dieser Kalender ist wie sein Vorgänger als kombiniertes Hard- und Software-Projekt ausgelegt. Auf den A4 großen Kalenderblättern befinden sich QR-Codes, mit denen man die Direktlinks der Beiträge in diesem Blog erreicht. Monatlich werden die Geschichten freigeschaltet.

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