Schulfreund Uwe

Roter Traktor vor freigestelltem weißem Hintergrund auf Teerstraße und einem Streifen Grase. Die Maschine im Profil, von links nach rechts zu fahren scheinen hat zwei platte Reifen. Die anderen beiden Reifen sieht man nicht.

Große Konzertbühne, gnadenlose Gitarre, martialisches Schlagzeug, herber Gesang, Nebelmaschine, Dampf und Feuerzeuge und ein im Rhythmus wogender, proppenvoller Konzertsaal und ganz vorne in der Mitte zwei Jungs, die sich knuffen und freuen, mitsingen und tanzen. Ein Bild aus glücklichen Tagen.

Die Bubenfreundschaft wurde zur Kumpelei und später, so munkelte man, war da auch noch mehr. Einer der beiden hieß Uwe. Der andere war kein geringerer als das MudArt-Raubein Heiko Moorlander.

„So glücklich kamen wir nie wieder zusammen“, erzählte mir Heiko Moorlander, „Schulfreund Uwe stand nie auf der privilegierten Seite des Lebens. Er wuchs in prekären Verhältnissen bei seiner Großmutter auf, die noch die althergebrachten Erziehungsmethoden ihrer Eltern anwendete“. Moorlander machte eine peitschende Geste und verriet mir die Geschichte seines Freunds aus Kindertagen. In der Schule wurde der Junge gemobbt. Als junger Mann geriet er in Konflikt mit dem Gesetz (der unsägliche §175!). In ihren Zwanziger Jahren verloren sich die beiden Freunde aus den Augen. Heiko ging nach Amerika und wurde ein berühmter Künstler. Uwe verschwand. „Er war wie vorm Erdboden verschluckt, ich konnte ihn nicht mehr ausfindig machen, als ich nach Deutschland zurückkehrte. Auch später nicht, als Facebook und Wer-kennt-Wen aufkamen, wo man so ziemlich jeden alten Freund finden konnte …“, erzählte mir Heiko. (Auszug aus der Biografie von ‚One Leg Joe‘ –Joe Dineb).

Zwar gilt Joe Dinebs Biografie nicht unbedingt als zuverlässige Quelle, aber die Hinweise verdichten sich, dass da einmal etwas war, eine innige Freundschaft, ein glückliches Bubenleben bevor die großen, weltbewegenden Sorgen und Ängste Krater in die Oberfläche der wie zum Planet gewordenen, dahindriftenden Menschen zu reißen begannen. Ein schlichter Tweet von @stachelvieh bringt es auf den Punkt, respektive auf den Weg.

„auf den Weg gebracht“ – auch so eine Formulierung. Was alles auf den Weg gebracht wurde … und sich seitdem als bewegungsunfähige Stolperfalle herausstellt. Weil eben meist es nicht reicht, etwas auf den Weg zu bringen.

Tweet von Stachelvieh – Auf den Weg gebracht.

Roter Traktor vor freigestelltem weißem Hintergrund auf Teerstraße und einem Streifen Grase. Die Maschine im Profil, von links nach rechts zu fahren scheinen hat zwei platte Reifen. Die anderen beiden Reifen sieht man nicht.
Schulfreund Uwe – MudArt Installation in Gunten am Thunersee.

So wirkt Heiko Moorlanders Installation und der wohl deutlichste Hinweis auf den einstigen Freund wie ein Mahnmal. „Schulfreund Uwe“ wurde im Rahmen der zweiten MudArt-Biennale im Schweizer Mekka der Schlammkunst, Gunten, als dauerhafte Maschineninstallation realisiert. Ein alter Traktor. Die Reifen platt. Unter dem Motorblock eine Lache Öl. Maschinenteile ringsum. Für immer stillgelegt. Auch diese Maschine wurde einst auf den Weg gebracht. Wie Uwe, wie Heiko, wie all die anderen Menschen ihrer Generation.

Wozu, wozu, wozu? Der eine bleibt liegen, der andere stagniert erfolgreich voran bis an die Spitze, wieder einer richtet es sich im Leben gut ein und manche verschwinden schlicht und ergreifend. Die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach einer Antwort, spiegelt sich in keinem anderen Kunstwerk im öffentlichen Raum in der Schweiz mehr, als in Moorlanders „Schulfreund Uwe“. Tinguely hätte seine Freude. (Ueli Baumgart, Thuner Schlammblatt).

Ein Kommentar zu „Schulfreund Uwe

  1. Kunstwerke, in denen echtes Rohöl vorkommt, liebe ich; es kann auch raffiniert (worden) sein. Die von mir so hoch, höher, am höchsten geschätzte MudArt in Synthese mit installativem Öl erleben zu dürfen, das ist dann in der Tat am Ende des Tages einen Asbach Uralt [bzw Wunsch-Spirituose] wert.

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